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Wie sieht die Militärstrategie Israels aus – und ist es möglich, sie zu besiegen?


Dieser Artikel von Jasper Saah erschien in englischer Sprache bei »Liberation News«, der Zeitung der »Party for Socialism and Liberation«. Wir haben ihn auf Deutsch übersetzt – das Original findet ihr hier.

Israel befindet sich in einem strategischen Dilemma. Der iranische Vergeltungsschlag für die Bombardierung der israelischen Botschaft in Syrien hat nur bestätigt, was seit Monaten immer deutlicher wurde: Israel wurde strategisch besiegt. Einige Israelis haben dies bereits vor dem iranischen Vergeltungsschlag eingestanden. Oppositionsführer Yair Lapid erklärte, die iranische Operation habe die »israelische Abschreckung zerstört«. In den letzten Wochen überschwemmte eine Welle von abwertenden Artikeln die pro-israelischen Medien in Israel und den USA. Allen voran veröffentlichte die Zeitung Haaretz einen Artikel mit der unverblümten Überschrift: »Saying what can’t be said: Israel has been defeated – a total defeat«. Für den durchschnittlichen Beobachter der israelischen Gräueltaten – und für viele Zionisten in der Welt – ist die Vorstellung, dass eine der am besten ausgerüsteten und so genannten fortschrittlichsten Streitkräfte der Welt eindeutig, ja sogar vollständig besiegt werden kann, eine schockierende.

Niederlage bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Israel nicht in der Lage ist, auch nur ein einziges Kriegsziel durch militärischen Druck zu erreichen. Die Kampfkraft der palästinensischen Widerstandsgruppen in Gaza wurde kaum geschwächt, geschweige denn zerstört, wie es das israelische Ziel der »Zerschlagung der Hamas« impliziert. Die am 7. Oktober entführten Gefangenen kamen nur durch Verhandlungen frei. Hunderttausende Siedler sind aus den Siedlungen im Gazastreifen und entlang der libanesischen Grenze geflohen, viele ohne die Absicht, zurückzukehren. Die iranische Intervention offenbarte die Schwäche der israelischen Luftabwehr und die Abhängigkeit von den USA und den von ihnen unterstützten arabischen Regimen, um den iranischen Angriff abzuwehren.

Die politische und soziale Krise innerhalb Israels ist akuter denn je, und das Kräfteverhältnis in der Region ist nicht zu ihren Gunsten. Eine Niederlage bedeutet aber auch, dass die Logik und die Strategien, die jahrzehntelang die zionistische Macht in Palästina bestimmt haben, durch die Ereignisse der letzten sechs Monate durchbrochen wurden. Wie ist es dazu gekommen? Wie hat der Widerstand seine Kriegsziele erreicht? Welche Strategie verfolgen die Israelis in diesem Völkermord? Und was können uns historische Präzedenzfälle über die weitere Entwicklung sagen?

Die drei Säulen der zionistischen Macht
Seit ihren Anfängen stützt sich die zionistische Herrschaft in Palästina auf drei Säulen: technologische, finanzielle und militärische Überlegenheit durch die Allianz mit dem westlichen Imperialismus, militarisierte Siedlungen, die die Grenze zwischen Zivilisten und Soldaten verwischen, und die Abhängigkeit vom Terrorismus zur Aufrechterhaltung einer psychologischen Aura der Überlegenheit.

Technologische militärische Überlegenheit war von Anfang an ein Eckpfeiler der israelischen Militärstrategie und des israelischen Selbstverständnisses, und das Vertrauen in diese Strategie wurde durch die Niederlagen großer konventioneller arabischer Armeen gegen die Zionisten im 20 Jahrhundert gefestigt. Seit dem Sieg der libanesischen Widerstandsgruppe und Guerillaarmee Hezbollah über Israel im Jahr 2006 haben sich die israelischen Streitkräfte jedoch geweigert, wichtige Lehren aus diesem Krieg zu ziehen, und sich stattdessen auf zwei Haupttaktiken konzentriert: die Bombardierung des Gazastreifens aus der Luft und die »Kontrolle« der besetzten und weitgehend entmilitarisierten palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland.

In ähnlicher Weise ist die zivil-militärische Doppelnutzung der Siedlungen seit dem ersten Kibbuz ein wesentliches Element der zionistischen militärischen und sozialen Reproduktion. Wie die Grenzstädte am Rande der Indianerreservate in den USA und entlang der mexikanischen Grenze folgen die israelischen Kibbuzim in Palästina derselben militärischen Logik des kolonialen Expansionismus der Siedler. In Israel ist diese Logik sogar noch ausgeprägter. Diese Siedlungen beherbergen nicht nur Soldaten – die Kibbuzim Be’eri, Re’im und Nahal Oz am Rande des Gazastreifens haben zum Beispiel alle gleichnamige Militärstützpunkte.

Schließlich ist der Terrorismus, der die Palästinenser zur Aufgabe ihres Landes zwingen soll, ein integraler Bestandteil der israelischen Militärstrategie, angefangen bei den Bombenanschlägen und Massakern der britischen Mandatszeit, die sich von Deir Yassin über Kfar Qassem und die Suez-Krise bis hin zu Sabra und Shatilla, der Ibrahimi-Moschee, Jenin, der Mavi Marmara und dem Al-Shifa-Krankenhaus bis zum Überdruss wiederholten. Das Ziel des Terrorismus ist es, einerseits eine tief verwurzelte Mentalität des Defätismus in der palästinensischen Nation zu kultivieren und andererseits das israelische Gefühl der Überlegenheit zu reproduzieren.

Jede dieser strategischen Säulen wurde durch die Ereignisse des 7. Oktober untergraben und hat sich immer wieder als ineffizient, überholt und machtlos gegenüber dem palästinensischen und regionalen Widerstand erwiesen.

7. Oktober: Die Hannibal-Doktrin im Masseneinsatz
Am Morgen des 7. Oktober durchbrechen Kämpfer des bewaffneten Flügels der Hamas, der Qassam-Brigaden, den Grenzzaun zum Gazastreifen. Unter dem Schutz von tausenden von Raketen bewegte sich die Brigade auf das Hauptquartier der israelischen Gaza-Division und des Südkommandos zu. Ziel war es, militärische Ziele anzugreifen und militärische Gefangene zu machen, um sie gegen Tausende palästinensische Gefangene in zionistischen Gefängnissen auszutauschen und die Palästinafrage wieder auf den internationalen Tisch zu bringen, nachdem sich in den letzten Jahren immer mehr reaktionäre arabische Regierungen für eine Normalisierung mit Israel ausgesprochen hatten.

Die Qassam-Kämpfer trafen auf einen unvorbereiteten und desorganisierten Feind. Das Hauptquartier der Gaza-Division wurde in weniger als einer Stunde eingenommen und die israelische Kommando- und Kontrollstruktur brach vollständig zusammen. Die Einheiten, die in dem Gebiet operierten, hatten keine Befehle mehr, stundenlang wurden keine Befehle auf höchster Ebene erteilt, geschweige denn an die Soldaten vor Ort weitergegeben. Dieses Chaos herrschte über mehrere Stunden, die israelischen Einheiten operierten unkoordiniert und schossen im Grunde auf alles, was sich im Gazastreifen bewegte, auch aufeinander.

Eine Geschichte erzählte von einer gepanzerten Fraueneinheit der Paran Brigade, die 16 Stunden lang ohne Befehl durch das Land fuhr, was in den israelischen Medien als Sieg für den Feminismus dargestellt wurde, da diese Frauen »mehr als 50 Terroristen« getötet hätten. Eine vernünftigere Lesart dieser Geschichte, nämlich dass mehrere einfache Soldaten (alle Anfang 20) von ihrem Kommando im Stich gelassen wurden und 16 Stunden lang wahllos durch das Land zogen und töteten, zeichnet ein ganz anderes Bild von den Fähigkeiten der zionistischen Streitkräfte.

Trotzdem lassen sich die Fälle von »Friendly Fire« nicht einfach mit dem Chaos erklären, das entstand, weil man unvorbereitet war. Die Hannibal-Direktive ist eine militärische Richtlinie, die den Einsatz maximaler Gewalt vorschreibt, wenn ein Soldat entführt wird. »Sie werden ohne Einschränkung das Feuer eröffnen, um die Entführung zu verhindern«, wird ein ehemaliger IDF-Soldat von Al Jazeera zitiert. Er fügte hinzu, dass eine solche Gewaltanwendung auch auf die Gefahr hin geschieht, einen gefangenen Soldaten zu töten.

Dieses Kalkül beruht darauf, dass die Entführung israelischer Gefangener durch Widerstandskräfte für Israel einen größeren strategischen Schaden bedeutet als der Tod von Israelis und ist seit Jahren öffentlich bekannt. Neu und schockierend am 7. Oktober ist, dass mehrere israelische Quellen bestätigten, dass das israelische Kommando eine Massen-Hannibal-Direktive für alle Gefangenen – einschließlich vermeintlicher Zivilisten – erlassen hat. Die weit verbreiteten Bilder von ausgebrannten Autos des Nova-Musikfestivals und völlig zerstörten Häusern können nur durch den Einsatz von Hochleistungs-Brandgranaten durch israelische Panzer und Hubschrauber entstanden sein. Angesichts des bereits beschriebenen Zusammenbruchs der Kommando- und Kontrollstrukturen auf israelischer Seite löste der Hannibal-Befehl ein bisher nicht gekanntes Ausmaß an Gewalt aus, dem Hunderte von Israelis zum Opfer fielen.

Die Angst der israelischen Militärs vor der Gefangennahme ihrer Soldaten ist nicht irrational. Im Jahr 2011 wurde der derzeitige Hamas-Führer im Gazastreifen Yahya Sinwar im Rahmen eines Abkommens freigelassen, das die Freilassung von 1027 Palästinensern gegen die Rückgabe des von der Hamas gefangenen israelischen Soldaten Gilad Shalit vorsah. Dieser scheinbar unverhältnismäßige Tausch ist integraler Bestandteil der herrschenden Logik des zionistischen Siedlerkolonialismus. Die Wehrpflicht, die enorme Dichte parastaatlicher Siedlermilizen und die kolonialen Beziehungen im weiteren Sinne verwischen die Unterscheidung zwischen zivilem und militärischem Personal.

So gesehen ist das zahlenmäßige Ungleichgewicht im Zusammenhang mit dem Shalit-Deal ein zentrales Element des psychologischen Vertrags, der zwischen Israel und der Siedlerbevölkerung geschlossen wurde. Der Geist der Hannibal-Direktive setzt sich in der Art und Weise fort, wie die zionistischen Streitkräfte die Frage der Rückgabe der Gefangenen angehen, die derzeit vom palästinensischen Widerstand festgehalten werden – unfähig oder nicht willens, Bodenoperationen zu starten, um in die Tunnel einzudringen und die Gefangenen zurückzuholen, scheinen sich die israelischen Streitkräfte damit zufrieden zu geben, ihre eigenen Leute zusammen mit allen anderen Menschen in Gaza zu töten.

Die Reaktion der israelischen Gesellschaft auf die Enthüllungen zeigt, wie sehr diese Ereignisse von der Siedlerbevölkerung als Verrat empfunden werden. Der Zusammenbruch des Gesellschaftsvertrags trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass viele Siedler das besetzte Palästina verlassen. Ronen Bergman, ein hochrangiger politischer Analyst der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronoth, wurde kürzlich in den hebräischen Medien mit den Worten zitiert (übersetzt von Al Mayadeen), dass bei den jüngsten Sitzungen des israelischen Kriegskabinetts mögliche Reaktionen auf den iranischen Vergeltungsschlag diskutiert worden seien: »Wenn sie das gefilmt und auf YouTube gestellt hätten, würden heute vier Millionen Menschen in Israel versuchen, einen Weg zu finden, von hier zu fliehen.«

Die Dahiya-Doktrin und das System Hasbora
Die Dahiya-Doktrin ist nach dem Beiruter Stadtteil Dahiya benannt, den Israel während der Invasion des Libanon 2006 als »Hochburg der Hezbollah« identifizierte. Die Israelis unterwarfen das Viertel einer Taktik der verbrannten Erde, die seit 2008 bei jeder israelischen Offensive gegen den Gazastreifen zu einem vertrauten Bild geworden ist. In einem Bericht einer UN-Untersuchungsmission nach dem israelischen Krieg gegen den Gazastreifen 2008-2009 wird der stellvertretende Ministerpräsident Eli Yishai am 6. Januar 2009 zitiert: »Es [sollte] möglich sein, den Gazastreifen zu zerstören, damit sie verstehen, dass sie sich nicht mit uns anlegen sollen. Es ist eine großartige Gelegenheit, Tausende von Häusern aller Terroristen zu zerstören, damit sie es sich zweimal überlegen, bevor sie Raketen abfeuern.«

Dieses krude Eingeständnis trifft den Kern der Dahiya-Doktrin – strategisch soll sie die israelische Abschreckung erhöhen. In der Militärtheorie ist Abschreckung die glaubwürdige Androhung von Gewalt, um einen anderen Akteur von einer feindlichen Handlung abzuhalten. Die israelische Abschreckung beruhte schon immer auf der schnellen und überwältigenden Gewalt, die durch den technologischen Vorsprung des Landes ermöglicht wurde, sei es bei den Massakern während der Nakba oder bei der Vernichtung der arabischen Armeen 1967 und 1973. In vielerlei Hinsicht ist dies keine neue strategische Entwicklung auf israelischer Seite. Terrorismus ist seit Jahrhunderten ein Eckpfeiler kolonialer und imperialistischer Gewalt.

Der »Schock und Schrecken« der US-Invasion im Irak 2003, bei der die zivile Infrastruktur durch Massenbombardements zerstört wurde, ist eine weitere Manifestation dieser kolonialen Strategie im 21. Jahrhundert. Noch weiter zurück liegt ein ähnliches Vorgehen der US-Imperialisten bei der Massenbombardierung Koreas. In den unerbittlichen israelischen Kampagnen gegen Gaza in den letzten zwei Jahrzehnten wurde die Dahiya-Doktrin zu einer präzisen, automatisierten Tötungsmaschinerie verfeinert. Im vergangenen Jahr enthüllte das israelische Militär, dass es ein KI-gestütztes Zielerfassungssystem namens Hasbora (hebräisch für »das Evangelium«) entwickelt und eingesetzt hat.

Hasbora kodifiziert, automatisiert und erweitert das, was bisher bei allen israelischen Angriffen auf Gaza der Fall war. Ein Bericht in der Zeitschrift +972 beschreibt das System als in der Lage, »’Ziele‘ fast automatisch in einer Geschwindigkeit zu ermitteln, die weit über das hinausgeht, was bisher möglich war« und als »Fabrik für Massenmord«. „Massenmord“ ist hier der richtige Begriff, denn es ist nichts zufällig an den täglichen Bombenangriffen der zionistischen Kräfte. Mehr als die Hälfte der von Hasbora während der Kämpfe erzeugten Ziele waren so genannte »Machtobjekte«, zu denen »private Wohnhäuser ebenso wie öffentliche Gebäude, Infrastruktur und Hochhäuser« gehörten. Diese Ziele dienen dazu, das soziale Gefüge in Gaza so stark wie möglich zu erschüttern.

Ähnlich wie viele Anwendungen, die als »künstliche Intelligenz« bekannt sind, diente diese Technologie nur dazu, die bestehende strategische Gleichung auf israelischer Seite zu verstärken und zu intensivieren. Die Fähigkeit der israelischen Streitkräfte, ihre technologische und finanzielle Dominanz in eine glaubwürdige Abschreckung umzuwandeln, ist jedoch zusammengebrochen. Die Drohung mit der Dahiya-Doktrin hat den palästinensischen Widerstand nicht davon abgehalten, im vergangenen Jahr die Al-Aqsa-Flut und 2021 Seif al-Quds zu starten, und sie hat den libanesischen Widerstand nicht davon abgehalten, die Palästinenser an der Nordfront zu unterstützen. Trotz zehn Jahren Bombardierung im Stil von Dahiya im von den USA unterstützten saudischen Krieg gegen Jemen lässt sich der jemenitische Widerstand ebenfalls nicht einschüchtern.

Die Al-Aqsa-Flut, Abschreckung und der Kampf gegen den Defätismus
Im Laufe der Jahrzehnte hat der palästinensische Kampf viele Rückschläge erlitten. Der antiimperialistische Kampf in der Region ansich hat viele, viele Rückschläge erlitten. Allein in den letzten 30 Jahren sind mindestens 5 Millionen Menschen vom Sudan bis Afghanistan unmittelbar durch Invasionen, schmutzige Kriege, Putsche und Interventionen unter der Führung der USA getötet worden, und in Wirklichkeit ist die Zahl zweifellos viel, viel höher. Die Vereinigten Staaten haben ihre Streitkräfte und Agenten mittlerweile bereits so lange in der Region, dass sie sich nicht mehr auf Israel als unabhängigen Akteur verlassen müssen, wie dies Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts der Fall war.

Diese Zeit war geprägt von den Osloer Verträgen, dem sogenannten »Friedensprozess« und der stetigen Verschlechterung der Lebensbedingungen der Palästinenser in der besetzten Westbank und im Gazastreifen. Die palästinensische Befreiungsbewegung war zersplittert, gespalten und verlor mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers und der antikolonialen Bewegungen viele ihrer materiellen Träger. An ihre Stelle traten das Kompradorenregime der Palästinensischen Autonomiebehörde und ein Rückgang der militanten Kräfte. In der palästinensischen nationalen Befreiungsbewegung und in der weltweiten antiimperialistischen Bewegung machte sich ein ausgeprägter Defätismus bemerkbar.

In der Zwischenzeit begnügten sich die Israelis damit, den langsamen und stetigen Prozess der ethnischen Säuberung und der Apartheid im Vertrauen auf ihre eigene Allmacht und die Schwäche der palästinensischen Bewegung fortzusetzen. Sie haben nichts aus ihrer Niederlage im Libanon 2006 gelernt und stattdessen eine fast identische Strategie gegen Gaza ein halbes Dutzend Mal in zwei Jahrzehnten angewandt. Der 7. Oktober und die fast 200 Tage seither haben diese Annahmen über das Kräfteverhältnis als Kartenhaus entlarvt.

Der Widerstand in der Region hat zudem ein unglaubliches Maß an strategischer Geduld und taktischem Geschick bewiesen. Die Netzwerke, die die Achse des Widerstands bilden, gehen auf die 1980er Jahre zurück, als Israel den Südlibanon besetzte. Eine neue Generation von Organisationen entstand, um die Besatzung zu bekämpfen, darunter Teile, aus denen die Hezbollah hervorging. Seit ihrem Sieg im Jahr 2006 hat Hezbollah mit iranischer Unterstützung ein komplexes Arsenal an selbst gebauten Raketen und unterirdischen Stützpunkten aufgebaut.

In ähnlicher Weise hat der Widerstand in Gaza – selbst unter den Bedingungen der Belagerung – eine ähnlich komplexe einheimische Waffenproduktionskapazität und die viel diskutierten Tunnel unter Gaza aufgebaut. Dies hat die israelischen Bodenoperationen in Gaza in den letzten Monaten zu einem Desaster gemacht. Unzählige vom Widerstand veröffentlichte Videos und Erklärungen des israelischen Militärs zeigen, dass eine große Zahl von Offizieren vom Widerstand getötet wurde, so dass ständig Reservisten einberufen werden mussten, dass Panzereinheiten ohne Infanterieschutz unterwegs sind, was sie anfällig für Angriffe aus dem Hinterhalt macht, und dass das israelische Militär als Kampftruppe vor Ort letztlich nicht mit der Organisation, der Führung, dem Mut und der Risikobereitschaft des palästinensischen Widerstands mithalten kann.

Die Widerstandsgruppen genießen einen hohen Grad an Unterstützung in der gesamten palästinensischen Gesellschaft. Die Einheit der verschiedenen politischen und konfessionellen Gruppen an der militärischen Front hat in den letzten Monaten zu Gesprächen zwischen den Führungen der verschiedenen Fraktionen in Beirut und Moskau über mögliche Pläne für die Zeit nach dem Krieg unter palästinensischen Bedingungen geführt. Ob eine Regierung der nationalen Einheit, die alle Fraktionen einschließt, eine wiederbelebte PLO oder etwas ganz anderes – der Widerstand hat die Vision einer palästinensischen Zukunft wiederbelebt.

Wie die beispiellose Pressekonferenz zum Al-Quds-Tag mit Reden von Vertretern der gesamten Achse des Widerstands und die strategische Koordinierung der Fronten in Gaza, im Libanon und im Jemen sowie die Aktionen im Irak und im Iran zeigen, bringt der palästinensische Kampf die Region der Zusammenarbeit und Integration näher als je zuvor seit der kurzen Blüte des Panarabismus in den 1950er und 1960er Jahren oder den arabisch-nationalistischen Revolten in den letzten Tagen des Osmanischen Reiches.

Welche Optionen hat Israel?
Der Versuch Israels, seine Abschreckungsfähigkeit wiederherzustellen, ist nach der Demütigung durch die Hamas am 7. Oktober gescheitert. Der Achse des Widerstands ist es hingegen gelungen, eine glaubwürdige Abschreckung aufzubauen – vor Ort im Gazastreifen und im Libanon, in den Gewässern vor der Küste Jemens und mit iranischen Raketen und Drohnen, die ihre Ziele in Israel treffen. Die Vereinigten Staaten sind von einer weiteren Eskalation wirksam abgeschreckt worden, und ungeachtet des israelischen Getöses scheint es unwahrscheinlich, dass sie einen regionalen Krieg beginnen werden.

Trotz des massiven Einsatzes von Gewalt ist das strategische Kalkül des israelischen Militärs stagnierend und inkohärent geblieben. Die israelische Gesellschaft ist gespalten und verunsichert. Das Ansehen der IDF als allmächtige Armee ist erschüttert. Ein regionaler Krieg gegen die gesamte Kraft des Widerstands wäre eine Katastrophe für die Völker der Region und letztlich selbstmörderisch für das zionistische Projekt, doch es gibt nur sehr wenige Kräfte oder Personen in der israelischen Politik, die bereit scheinen, ihre Niederlage einzugestehen und ernsthafte Zugeständnisse am Verhandlungstisch zu machen.

Israel ist in die Ecke gedrängt und hat keine guten Optionen. Es ist eine strategische Niederlage, aber es sind auch Momente wie diese, in denen die selbstzerstörerischen Tendenzen einer Gesellschaft zum Vorschein kommen. Israel, vor allem in diesem Zustand der Demütigung, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint, ist immer noch in der Lage, extreme Zerstörungen zu entfesseln, einschließlich seines illegalen Atomwaffenarsenals. Es ist unmöglich vorherzusagen, was als nächstes passieren wird, aber es ist völlig klar, dass die bisher hegemoniale Logik der Eskalation und der Abschreckung in diesem Kampf auf den Kopf gestellt wurde.