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Haben Google und Amazon »Lavender« ermöglicht?


Eine gemeinsame Recherche von »+972 Magazine« und »Local Call« hat aufgedeckt, wie die israelische Armee mithilfe einer künstlichen Intelligenz namens »Lavender« Zehntausende Bewohner des Gazastreifens als potenzielle Ziele markiert hat. Diese Technologie, die ohne wirkliche menschliche Kontrolle und mit einer sehr großzügigen Einstellung gegenüber zivilen Opfern operiert, spielte eine Schlüsselrolle bei der bisher unvergleichlichen Bombardierung und Ermordung palästinensischer Zivilisten, insbesondere in den frühen Phasen des andauernden Genozids.

Lavender wurde entwickelt, um alle mutmaßlichen Mitglieder des militärischen Flügels der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Jihads, einschließlich Personen mit niedrigem Rang, als potenzielle Ziele zu identifizieren. Die Quellen von +972 und Local Call, sechs israelische Geheimdienstoffiziere, die während des aktuellen Krieges im Gazastreifen gedient haben, beschreiben, dass die von der KI erzeugten Daten so verwendet wurden, als hätte es sich um menschliche Entscheidungen gehandelt. In der ersten Woche des Krieges verließ sich die Armee fast ausschließlich auf Lavender, um bis zu 37.000 Palästinenser und ihre Häuser als potenzielle Ziele für Luftangriffe zu markieren.

Ein weiteres Instrument, das in diesem Zusammenhang enthüllt wurde, ist das »Where’s Daddy?«-System. Dieses Programm wurde speziell entwickelt, um die von Lavendel markierten Personen zu verfolgen und die Armee zu alarmieren, sobald sie das Haus ihrer Familie betreten. Das System ermöglichte der israelischen Armee gezielte Angriffe auf Wohnhäuser, oft in der Nacht, wenn die ganze Familie anwesend war. Dieses Vorgehen verdeutlicht die gezielte Tötung von Zivilisten.

Die Quellen von +972 und Local Call beschreiben, wie Lavender Tausende von Menschen als Verdächtige markierte und »Where’s Daddy?« diese Informationen nutzte, um tödliche Angriffe zu koordinieren. Die Kombination dieser Technologien führte zur Zerstörung zahlreicher ziviler Häuser und zum Verlust unzähliger unschuldiger Leben. Es wurde berichtet, dass im ersten Monat des Krieges mehr als die Hälfte der Todesopfer zu 1.340 Familien gehörten, von denen viele in ihren Häusern vollständig ausgelöscht wurden. Diese Praxis spiegelt nicht nur eine beispiellose Missachtung menschlichen Lebens wider, sondern stellt auch einen erschreckenden Präzedenzfall für den Einsatz künstlicher Intelligenz in der modernen Kriegsführung dar.

Und wie so oft, wenn Israel wieder einmal mit Enthüllungen über seine Kriegsführung schockiert, stellt sich natürlich die Frage nach der Rolle des Westens in dem ganzen Komplex. Konkret geht es diesmal vor allem um die Rolle US-amerikanischer Technologieunternehmen, die bereits in der Vergangenheit für ihre Zusammenarbeit mit dem israelischen Militär kritisiert wurden.

Project Nimbus

Im Rahmen des »Project Nimbus«, einem Vertrag im Wert von 1,2 Milliarden US-Dollar, haben Google und Amazon der israelischen Regierung Cloud-Computing-Dienste zur Verfügung gestellt, die fortgeschrittene KI- und maschinelle Lernfunktionen umfassen. 

Offizielles Ziel des Projekts ist die Schaffung eines umfassenden Cloud-Ökosystems für den öffentlichen Sektor in Israel. Dazu gehören Infrastrukturdienste, Plattformdienste und Software-as-a-Service (SaaS) mit dem Ziel, die Effizienz der Regierungsdienste zu verbessern und die israelische Technologiewirtschaft anzukurbeln. Die Cloud-Dienste von Project Nimbus sind so konzipiert, dass sie eine breite Palette von Anwendungen unterstützen, von der Datenspeicherung und -analyse bis hin zu komplexen KI- und maschinellen Lernfunktionen. Diese Technologien sollen die öffentliche Verwaltung modernisieren und die Entwicklung neuer, intelligenter öffentlicher Dienstleistungen ermöglichen.

Dass Israel diese Technologien auch für seinen Militärapparat und gegen die palästinensische Bevölkerung einsetzen könnte, war bereits 2021 klar, als das Projekt offiziell angekündigt wurde. Mitarbeiter von Google und Amazon sprachen sich damals in einem öffentlichen Brief gegen das Projekt aus, da es »zur Überwachung und gezielten Verfolgung von Palästinensern beitragen könnte.« Darüber hinaus wurde berichtet, dass Google und Amazon vertraglich daran gehindert wären, den Dienst auf Druck von außen einzustellen, was darauf hindeutet, dass das Projekt für Zwecke genutzt werden soll, die in der Öffentlichkeit nicht gut ankommen würden. Im März 2024 wurde ein Softwareingenieur von Google entlassen, nachdem ein Video von ihm viral ging, in dem er auf einer Veranstaltung des Unternehmens rief, er weigere sich, Technologie zu bauen, die Völkermord möglich mache. Dabei bezog er sich direkt auf Project Nimbus.

Google Ki-Technologien

Doch bevor man Google hier einen so schwerwiegenden Vorwurf machen kann, muss man sich erst einmal anschauen, ob die von Google entwickelten Tools überhaupt in der Lage wären, ein System wie Lavender zu betreiben.

Damit Lavender Personen als Ziele markieren kann, benötigt es zunächst eine Datenbasis. Die Lavender-Recherche ergab, dass Bilder, Mobilfunkdaten, Social Media, Telefonkontakte und Fotos als Grundlage für die KI dienen. 

Um eine solche Datenmenge auswerten zu können, muss zunächst das Verwertbare vom Unverwertbaren getrennt und ein bestimmtes Verhaltensmuster erstellt werden. Hier könnte Googles Entwicklung »TensorFlow« ins Spiel kommen: Mit TensorFlow könnte ein maschinelles Lernmodell (oder mehrere Modelle) erstellt werden, das darauf trainiert ist, bestimmte Muster in den Daten zu erkennen. Diese Muster könnten sich auf Bewegungsmuster, Aufenthaltsorte, Interaktionen mit bestimmten Personen oder Personengruppen sowie visuelle Merkmale von Personen beziehen. Glücklicherweise hat Google auch die Technologie für eine solch umfangreiche Datenanalyse im Gepäck: TPUs (Tensor Processing Units) könnten eingesetzt werden, um die Geschwindigkeit und Effizienz des Trainingsprozesses und der Datenauswertung zu verbessern. Ihre Hardware ist für die massiven Berechnungen ausgelegt, die für Deep-Learning-Modelle erforderlich sind, und eignet sich daher ideal für die Verarbeitung großer Datenmengen.
Auch das Tracking nach Hause, wie es das »Where«s Daddy? System macht, könnte durch eine Google-Entwicklung realisiert werden. Mit Hilfe der bereits erwähnten Tensorflow- und Google-Vision-Technologie wäre die Verfolgung eines Objekts auf Basis von Drohnen oder anderen Kameraaufnahmen ein Leichtes.

Alle diese Systeme funktionieren auf der Basis von so genannten neuronalen Netzen – einem Algorithmus, der dem Aufbau des menschlichen Gehirns nachempfunden ist. Neuronale Netze sind sehr gut darin, komplexe Muster in Daten zu erkennen, aus riesigen Datenmengen zu lernen, die für Menschen unüberschaubar wären, und können in vielen Bereichen eingesetzt werden, zum Beispiel in der Bild- und Spracherkennung oder auch beim autonomen Fahren.

Amazon
Auch Amazon bietet in Verbindung mit seinen Cloud-Diensten eine Reihe von KI-Anwendungen an, die teilweise auch als Basis für Lavender dienen könnten. Bei Amazon möchten wir jedoch auf etwas anderes aufmerksam machen: Das Unternehmen unterhält Forschungs- und Entwicklungszentren in Israel. Das klingt zunächst unspektakulär, wird aber spannend, wenn man weiß, auf welchem Gebiet Amazon dort forscht. Amazon selbst schreibt dazu: »Wissenschaftler und Ingenieure in dieser Region tragen zur Erforschung neuer KI-Technologien bei, die das Einkaufen im Alltag erleichtern. Wissenschaftler und Ingenieure arbeiten hier auch an Herausforderungen im Zusammenhang mit Cloud Computing und maschinellem Lernen, insbesondere in Bezug auf maschinelles Sehen.«

Cloud Computing und maschinelles Lernen, insbesondere in Bezug auf Computer Vision, also. Computer Vision ist interessanterweise genau der Bereich, der für einen militärischen Überwachungsstaat wie Israel interessant ist, nämlich die automatische Auswertung von Bildern und Videos. Ob man hier von Zufall sprechen kann, sei dahingestellt. Es zeichnet sich jedoch ab, dass sowohl Google als auch Amazon theoretisch in der Lage wären, eine Technologie wie Lavender zu treiben oder gar zu entwickeln. Schlimmer noch: Beide Unternehmen arbeiten seit Jahren eng mit dem Land zusammen und es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Zusammenarbeit auch auf militärtechnischer Ebene stattfindet.

Presight AI
Presight AI ist aus einem Joint Venture zwischen Group 42 (G42), einem Unternehmen aus Abu Dhabi, und Rafael Advanced Defense Systems, einem staatlichen israelischen Verteidigungsunternehmen, hervorgegangen und verkauft Software, die Personen identifizieren, Daten über ihr Aussehen speichern und ihre Bewegungen verfolgen kann. Ziel des Joint Ventures ist die Kommerzialisierung von künstlicher Intelligenz und Big Data-Technologien sowie die Entwicklung von Produkten für Bereiche wie Bankwesen, Gesundheitswesen und »öffentliche Sicherheit«, die in Israel, den Vereinigten Arabischen Emiraten und international vermarktet werden sollen. Die Zusammenarbeit ist ein Beleg für die enge geschäftliche und technologische Verbindung zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel, insbesondere nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern im Jahr 2020. Diese Partnerschaft erstreckt sich auch auf den militärisch-industriellen Komplex Israels.

Schlussfolgerung
Die umfangreichen Recherchen zu »Lavender« und »Where’s Daddy?« lassen wenig Zweifel an der Verwicklung von Google und Amazon in Israels KI-gestützte Kriegsmaschinerie. Googles Expertise in maschinellem Lernen und Cloud Computing, insbesondere die Entwicklung von TensorFlow und TPUs, ist genau die Art von Technologie, die ein System wie Lavender benötigt. Sie sind in der Lage, riesige Datenmengen zu verarbeiten, Mustererkennungsmodelle zu erstellen und die erforderlichen umfangreichen Berechnungen durchzuführen. Das Spektrum ihrer Anwendungen – von der Bilderkennung bis hin zu Verhaltensmustern – deckt sich mit den Anforderungen an ein System, das Personen für militärische Zwecke verfolgt und identifiziert. Auch Amazon ist mit seinen KI-Anwendungen und Forschungszentren in Israel, insbesondere im Bereich des maschinellen Sehens, eine zentrale Figur in dieser Analyse. Der Fokus des Unternehmens auf Cloud Computing und maschinelles Lernen korreliert mit den Technologien, die für eine Plattform wie Lavender erforderlich sind, was die Vermutung erhärtet, dass Amazon auch eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung israelischer Militäroperationen spielen könnte.
Die Tatsache, dass beide Unternehmen langjährige Beziehungen zu Israel unterhalten und vertragliche Verpflichtungen eingegangen sind, die sie an die Bereitstellung ihrer Dienste binden, unterstützt die These einer aktiven Beteiligung.