Journalismus von unten, für unten. Vollkommen unabhängig von Konzernen und Parteien.
01/04/2024

Deutsche Kindersoldaten


In Deutschland beginnt das erwachsene Leben eigentlich erst mit 18 Jahren, jedoch scheint man für die Bundeswehr eine besondere Ausnahme zu machen. Denn es ist kein Geheimnis, dass mit 17 Jahren die Stimmabgabe bei Wahlen noch tabu ist, der Eintritt in die Bundeswehr aber als eine Art Initiationsritus für die besonders Eifrigen gilt. Wie sonst ließe sich erklären, dass im Jahr 2023 jeder zehnte frischgebackene Soldat noch keine 18 Jahre alt war? Ein bemerkenswertes Phänomen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Weltgemeinschaft den Einsatz von Kindersoldaten in Konfliktregionen mit Abscheu betrachtet.

Nun, die Bundeswehr, immer darauf bedacht, den Schein zu wahren, versichert uns, dass diese jungen Rekruten keineswegs in den Genuss kommen, an vorderster Front zu dienen oder auch nur den Hauch einer scharfen Waffe zu spüren – es sei denn, es handelt sich um Ausbildungszwecke. Eine beruhigende Vorstellung, nicht wahr? Es mag sein, dass diese Minderjährigen von der Teilnahme an Wachdiensten oder Auslandseinsätzen ausgeschlossen sind, doch wirft dies die Frage auf, warum sie überhaupt angeworben werden. Die Antwort, so scheint es, liegt in der schieren Verzweiflung einer Institution, die mit einem massiven Personalproblem konfrontiert ist. »Die Bundeswehr altert und schrumpft«, verkündete der Wehrbeauftragte des Bundestages, ein Satz, der fast so klingt, als spreche man von einer aussterbenden Tierart.

Angesichts dieser Situation hat die Bundeswehr offenbar kein Problem damit, die Rekrutierung Minderjähriger zu forcieren. Ein Schritt, der übrigens in krassem Gegensatz zu den internationalen Bemühungen steht, Kinder und Jugendliche vor den Schrecken des Krieges zu schützen. Doch in der Logik der Bundeswehr müssen die Jugendlichen wohl früh lernen, was es heißt, für die Verteidigung des Vaterlandes bereit zu sein – zumindest theoretisch, solange sie noch nicht volljährig sind.

Die ironische Widersprüchlichkeit dieser Politik wird besonders deutlich, wenn man sie mit den internationalen Standards vergleicht, auf die wir bei anderen so strikt beharren. Auf der weltpolitischen Bühne verurteilen wir den Einsatz von Kindersoldaten als barbarisch und rückständig, während wir zu Hause gerne ein Auge zudrücken, wenn es um die »Ausbildung« Minderjähriger geht. Ein Paradebeispiel für die deutsche Doppelmoral, nicht wahr?

Die Rekrutierung Minderjähriger in die Bundeswehr scheint jedenfalls weniger eine Frage der »Verteidigungspolitik« zu sein, als vielmehr der verzweifelte Versuch, die Reihen einer schrumpfenden Armee zu füllen. Und irgendwann werden sie ja auch mal 18!