Journalismus von unten, für unten. Vollkommen unabhängig von Konzernen und Parteien.
09/04/2024

Der Boykott des Boykotts


Die öffentliche Hetzjagd gegen eine Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat wieder einmal Erfolg gehabt: Helen Fares, Moderatorin des SWR-Formats »MixTalk«, wurde vom Sender entlassen, nachdem sie in sozialen Medien eine kritische Haltung zum israelischen Vernichtungskrieg gegen Gaza eingenommen hatte. Der SWR begründete dies mit einem angeblichen Verstoß gegen die »geforderte Neutralität« des Senders – ob das wohl auch ein Argument gewesen wäre, wenn sie sich mit Israelfahnen hätte ablichten lassen?

Man muss kein Hellseher sein, um diese Frage zu verneinen. Denn die Entlassung von Fares ist im Kontext einer Reihe von Vorfällen zu sehen, die als Teil einer größeren Hetzjagd gegen pro-palästinensische Stimmen in Deutschland interpretiert werden müssen. Diese Tendenz zur Marginalisierung und Sanktionierung von Personen des öffentlichen Lebens, die sich kritisch mit der israelischen Regierungspolitik auseinandersetzen, ist eine brandgefährliche Entwicklung.

In Deutschland ist es kaum noch möglich, zwischen notwendiger Kritik am rassistischen zionistischen Regime und tatsächlich antisemitischen Äußerungen zu unterscheiden. Der pro-israelischen Lobby ist es gelungen, Kritik am Staat Israel mit einem Angriff auf die jüdische Gemeinschaft oder gar mit Antisemitismus gleichzusetzen.

Die Reaktion des SWR auf die Äußerungen von Fares, die in einem nicht-beruflichen Kontext gemacht wurden, zeigt, dass eine Anstellung beim ÖRR und eine progressive Haltung zum Nahostkonflikt mittlerweile einen offenen Widerspruch darstellen. Von journalistischer Unabhängigkeit kann hier kaum noch die Rede sein. Und das, wo sich der ÖRR doch gerade zum Ziel gesetzt hat, auch kontroversen Stimmen und Themen eine Plattform zu bieten, die in einem privaten und profitorientierten Sender so vielleicht nicht zu hören wären.

Doch was kann Fares eigentlich so Schlimmes gesagt haben, dass dem SWR nichts anderes übrig blieb, als sie zu entlassen? Sie zeigte in einer Instagram-Story die App »No Thanks«, die es Nutzern ermöglichen soll, Produkte im Einzelhandel zu identifizieren, die die israelische Besatzung und die Unterdrückung der Palästinenser unterstützen. Ich fasse zusammen: Wenn die Bundesregierung Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt und damit dessen Produkte boykottiert, ist das ein wichtiger Schritt zur Rettung westlicher Werte. Wenn aber eine SWR-Moderatorin sich auf ihrem privaten Instagram-Account dafür ausspricht kein Geld für Produkte auszugeben, die ein genozidales Regime unterstützen, dann ist das höchst verwerflich. Macht Sinn, oder?

Natürlich dauerte es nicht lange, bis rechtszionistische Hetzaccounts die Story in den sozialen Netzwerken verbreiteten und der Moderatorin Antisemitismus vorwarfen. Schließlich sei es dasselbe, ob die Nazis »Kauft nicht bei Juden« sagten oder ob eine Privatperson mit ihrem Geld kein Apartheidregime unterstützen wolle. Es wäre fast zum Lachen, wenn es nicht so bitterernst wäre.

Die Entlassung von Helen Fares durch den SWR muss nun zum Anlass genommen werden, endlich auf das gezielte mundtot machen pro-palästinensischer Stimmen durch die deutsche Medienlandschaft aufmerksam zu machen. Es kann nicht sein, dass rechte Hetzaccounts auf X (Twitter) dafür sorgen können, dass eine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ihren Job verliert, nur weil sie sich nicht bedingungslos auf die Seite von Vertreibung und Unterdrückung stellt. Die Bundesregierung darf sich gerne in den Auftrag einer wirren »deutschen Staatsräson« stellen, Journalist:innen sollten das deshalb aber noch lange nicht müssen.