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26/03/2024

Ist das noch Journalismus oder schon antimuslimische Hetze?


In Deutschland wird wieder einmal über den Islam diskutiert. Dieses aktuelle Beispiel eignet sich hervorragend, um über den weit verbreiteten antimuslimischen Rassismus in deutschsprachigen Medien zu sprechen. Doch was ist eigentlich passiert?

Reichelt und der »IS-Finger«
Der deutsche Fußballnationalspieler und bekennender Muslim Antonio Rüdiger veröffentlichte zu Beginn des Fastenmonats Ramadan ein Foto von sich auf Instagram, das ihn in einem weißen Gewand auf einem Gebetsteppich zeigt, den rechten Zeigefinger in Richtung Himmel gestreckt.

Bei dem erhobenen Zeigefinger handelt es sich um die »Tauhid«-Geste, die im Islam die Einzigartigkeit Allahs symbolisieren soll. Sie wird zum Beispiel bei der »Shahada«, dem islamischen Glaubensbekenntnis, gezeigt. Seit der Prophet Mohammad nach frühen Überlieferungen während des Gebets den rechten Ellenbogen auf den rechten Oberschenkel stützte und dann den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe streckte, gilt diese Geste als Ausdruck des Glaubens an den einen und einzigen Gott. Ein ganz normaler Ausdruck islamischer Glaubenspraxis also.
Trotzdem versuchte der Hetzer und ehemalige Bild-Chefredakteur Julian Reichelt in seinem pseudo-journalistischen Bild-Verschnitt »NIUS« Rüdiger als Islamisten darzustellen, indem er das Zeichen als „IS-FInger“ zu framen versuchte. Der DFB und Rüdiger stellten daraufhin Strafanzeige gegen Reichelt.

Dieser Vorfall, bei dem Rüdiger aufgrund einer völlig gewöhnlichen religiösen Geste gezielt in die Nähe des Islamismus gerückt wurde, steht stellvertretend für die systematische Diskriminierung, der Muslime in Deutschland bis heute ausgesetzt sind.
Wir haben uns die Berichterstattung verschiedener deutschsprachiger Medien zum Thema Islam aus diesem Anlass einmal genauer angesehen. Dabei zeigt sich ein besorgniserregendes Muster, das von Pauschalisierungen, selektiver Wahrnehmung und dem Schüren von Ängsten und Vorurteilen geprägt ist.

Generalisierung, Vorurteile und das Schüren von Ängsten
Antimuslimischer Rassismus in der deutschsprachigen Medienlandschaft manifestiert sich nicht nur in offenen Anfeindungen oder der Verwendung negativer Stereotype. Vielmehr zeigt er sich häufig in subtileren Formen wie der Tatsachenverdrehung, der selektiven Berichterstattung oder der implizierten Gleichsetzung von Islam und Islamismus. Gerade solche Darstellungen tragen dazu bei, Vorurteile und Misstrauen in der Gesellschaft zu fördern und ein generell negatives Bild des Islam zu verbreiten.
Um die Problematik anhand von Beispielen zu verdeutlichen, haben wir einige Artikel aus der Schweizer Tageszeitung »NZZ«, der deutschen »Welt« sowie der »FAZ« ausgewählt.

Am 8. und 14. März dieses Jahres veröffentlichte die NZZ Artikel zum Thema »Antisemitismus unter jungen Muslimen«.
Der erste Artikel thematisiert Antisemitismus unter jungen religiösen Muslimen in der Schweiz anhand eines Vorfalls in Zürich und versucht, diesen Fall zu universalisieren.

Durch die Fokussierung auf die muslimische Gemeinschaft als Hauptquelle des Antisemitismus, ohne die komplexen Ursachen und Kontexte ausreichend zu berücksichtigen, entsteht das Bild einer homogenen Problemgruppe. Die Vielfalt innerhalb der muslimischen Gemeinschaft und die Tatsache, dass es sich bei Antisemitismus um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, das nicht auf eine religiöse Gruppe beschränkt ist, werden bei der Redaktion der NZZ gerne vernachlässigt. Durch die Hervorhebung einzelner Vorfälle und die unzureichende Einordnung in einen breiteren gesellschaftlichen und politischen Kontext trägt der Artikel zu einer vereinfachten und verzerrten Wahrnehmung bei, die Muslime pauschal stigmatisiert.
Im zweiten Artikel wird der Fokus auf Muslime in der Schule gelegt und behauptet, dass junge Muslime Mitschüler:innen und Lehrkräfte drangsalieren würden.

Selbstverständlich ist es legitim und wichtig, Probleme wie Mobbing und religiös motivierte Diskriminierung an Schulen aufzuzeigen. Die Art und Weise, wie die NZZ dies pauschalisiert, birgt jedoch die Gefahr, eine Atmosphäre der Angst und des Misstrauens gegenüber muslimischen Schülern zu schüren. Die selektive Hervorhebung negativer Verhaltensweisen, die ganz explizit mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, ohne eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Ursachen solcher Einstellungen und Verhaltensweisen, verstärkt bestehende Vorurteile und trägt zur Marginalisierung der muslimischen Gemeinschaft bei. Darüber hinaus wird – wie immer – völlig ausgeblendet, dass es sich bei dem Problem des religiösen Extremismus nicht um ein islamisches Alleinstellungsmerkmal handelt, sondern dass es in allen Religionen vorkommt.

Nicht besser ist es um die journalistische Arbeit der deutschen Tageszeitung »Die Welt« bestellt.
In einem Artikel mit dem Titel »Islam in Deutschland: Wo steht die „überwältigende Mehrheit“ der Muslime?« wird die Bedeutung von »antisemitischen und islamistischen Einstellungen« unter Muslimen in Deutschland thematisiert.

Dabei wird auf den negativen Einfluss bestimmter Gruppen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft verwiesen und suggeriert, dass ein erheblicher Teil der Muslime diese Einstellungen teilt oder zumindest toleriert. Indem sich der Artikel einiger weniger Beispiele extremistischen Verhaltens bedient, soll bei den Leser:innen der Eindruck entstehen, dass diese Probleme charakteristisch für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland als Ganzes sind. Hinzu kommt, dass gerade heute wieder vermehrt versucht wird, Palästinasolidarität mit Antisemitismus gleichzusetzen und damit alle Israelkritiker als »islamistische Judenhasser« abzutun.

Ein zweiter Artikel will sich mit dem »historischen und gegenwärtigen Judenhass« im Islam auseinandersetzen und stellt dazu eine direkte Verbindung zwischen Koranversen und »israelbezogenem Judenhass« her.

Der Autor versucht zu suggerieren, dass Antisemitismus ein inhärenter Bestandteil des Islam sei. Dieses Framing ignoriert zum einen die Vielfalt islamischer Interpretationen und Praktiken und zum anderen die Tatsache, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, das nicht auf eine Religion oder Kultur beschränkt ist. Im Gegenteil, praktizierende Juden haben im christlichen Europa historisch eine systematische Unterdrückung und Verfolgung erfahren, die es in der islamischen Welt in diesem Ausmaß nie gegeben hat.
Darüber hinaus wird durch die Auswahl von Extrembeispielen, wie die Verbindungen zwischen der Muslimbruderschaft und den deutschen Faschisten, versucht, eine Verbindung zwischen Islam, Faschismus und extremem Judenhass herzustellen, mit dem Ziel, den Islam insgesamt zum Feindbild zu verklären. Dabei wird auch auf die Gründungscharta der Hamas verwiesen, die außer westlichen Journalisten niemand kennt, die nie verbindlich war und längst durch eine neue ersetzt wurde, die sich explizit gegen Judenhass ausspricht.

In die gleiche Kerbe schlägt die FAZ, die von einer angeblichen »Querfront aus Linken und Muslimen« spricht und damit »Islamismus« und Israelkritik in einen Topf wirft.

Von einer »abstrusen Allianz aus marxistischen
Linken, woken Studenten, Queer-Aktivisten, muslimischen Einwanderern und Islamisten«, die sich auf den propalästinensischen Demonstrationen versammeln würden, ist die Rede. In dem Artikel ist die Rede von einem »lange unterschätzten und von vielen immer noch verharmlosten Problem«, einem »Tabuthema«.
Auch hier kommt wieder ein klassisches Framing zum Einsatz, das typisch für die deutsche Berichterstattung über den Islam ist. So wird immer wieder versucht zu implizieren, dass Kritik am Islam in Deutschland ein »Tabuthema« sei, über das man nicht sprechen dürfe, ohne Opfer einer vermeintlichen »woken Cancel-Culture« zu werden. Gibt man das Stichwort »Islam« in die Suchleiste der Online-Angebote führender deutscher Medien ein, wird die Absurdität dieser Darstellung deutlich. Ziemlich viel als »Kritik« getarnte Hetze, dafür dass es angeblich ein »Tabuthema« sei.

Der Preis für die beste als Journalismus getarnte Hetzschrift geht allerdings an die bereits erwähnte »NZZ«. Unter dem Titel »Die deutsche Sehnsucht nach dem Islam« setzt sich der Artikel mit der Entscheidung der Stadt Frankfurt auseinander, zu Beginn des Fastenmonats Ramadan entsprechende Leuchtdekoration aufhängen zu lassen.

Der Artikel beginnt mit der, sagen wir mal spannenden, Beobachtung, dass deutsche Politiker angeblich den Ramadan zelebrieren würden, und interpretiert dies als Teil eines breiteren Trends einer übermäßigen Verklärung des Islams in Deutschland. Es wird suggeriert, dass diese Anerkennung kultureller Praktiken eine Form der Selbstverleugnung darstelle und Teil eines »neuen deutschen Ramadan-Kults« sei. Auf diese Weise soll eine vermeintliche »Sehnsucht nach dem Fremden« suggeriert und der deutschen Gesellschaft und Politik eine undifferenzierte und unkritische Haltung gegenüber dem Islam vorgeworfen werden. Und wie bereits eben bei der Causa »Tabuthema« erwähnt, mangelt es in Deutschland wahrlich nicht an Islam-, böse Zungen würden von Hetze sprechen, Kritik. Hinzu kommt, dass die vielfältigen Gründe, die hinter der Anerkennung religiöser Praktiken stehen können, ausgeklammert werden.

Der Artikel behauptet weiter, dass die Anerkennung islamischer Feste und Praktiken nicht nur die deutsche Kultur verleugne, sondern auch ein bedrohliches »Anderes« konstruiere, das die deutsche Identität untergrabe. Verantwortlich dafür sei der deutsche »Selbstekel«, der mit einer »naiven Akzeptanz« und der Abkehr der eigenen »kulturelle Werte« einhergehe. Hier sind wir an einem Punkt angelangt, an dem nur noch fehlt, dass die NZZ offen für Sellners »Ethnopluralismus« wirbt, also für die strikte Trennung aller Kulturen und Völker voneinander. Die wissenschaftliche Tatsache, dass kultureller Austausch und Vielfalt historisch gesehen wesentliche Bestandteile der Entwicklung jeder Gesellschaft sind, bleiben selbstredend ebenfalls unerwähnt. Indem der Artikel impliziert, dass die Integration des Islam in den öffentlichen Raum eine Gefahr für die deutsche Kultur darstellt, bedient er sich einer Rhetorik, die Angst, Misstrauen und Hass gegenüber Muslimen schürt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Artikel zur Verbreitung antimuslimischer Narrative beiträgt und mit journalistischer Arbeit nichts mehr gemein hat.

Fazit
Konzernmedien spielen bis heute eine zentrale Rolle in der Formung öffentlicher Meinungen und des gesellschaftlichen Diskurses. Die untersuchten Artikel, insbesondere aus der »Neuen Zürcher Zeitung« (NZZ) und der »Welt«, zeigen, wie schnell und widerspruchslos Ressentiments geschürt und Religionsgemeinschaften als Ganzes marginalisiert werden können. Indem sie den Islam und seine Anhänger unter Generalverdacht stellen und mit Islamismus und Antisemitismus gleichsetzen, leisten sie keine journalistische Aufklärungsarbeit, sondern reproduzieren Vorurteile, Ängste und damit auch Hass. Eine solche »Berichterstattung«, wenn man sie überhaupt noch so nennen kann, dient letztlich nur der Spaltung der Gesellschaft. Die Unterstützung von konzernunabhängigen Medien und die Verbreitung von gegenteiligen Narrativen ist daher heute wichtiger denn je.